Über uns - Dadaismus an der Oder

Kulturwerkstatt 
und Kabarett

In der Magistrale Kunsthalle
 

Das Fortschritts-Vehicle

Vom 26. Juni bis 25. Juli 2026 wurde im Rahmen der ArtRad-Ausstellung eine ganz besondere dadosophische Maschine präsentiert: das Fortschritts-Vehicle, eine Konstruktion zwischen Fahrrad, Ochsenkarre und gesellschaftlichem Fortschrittsglauben.

Ein Fahrrad steht auf einer alten Karre, versehen mit einer Weltkarte und zahlreichen kleinen Zetteln, auf denen die großen Wichtigkeiten der Welt vermerkt sind: Arbeit, Seele, Militär und allerlei andere Angelegenheiten, die uns angeblich voranbringen. Gelagert wird der Karren auf einer Kiste auf dennen Dreams (Träume) steht. 

Über eine mechanische Konstruktion werden die Räder miteinander verbunden und setzen schließlich sogar eine Peitsche in Bewegung. Der Mensch wird dabei zum Antreibenden, Angetriebenen und Passagier zugleich. Die Maschine fährt. Aber wohin?

In den Fortschritt! Schneller! Weiter! Effizienter!

Und stellt ihm zugleich die vielleicht dadaistischste aller Fragen entgegen: Warum eigentlich?

Aus den vielen Fahrrädern, die während der Aufstellung präsentiert wurden, entstand eine Fortschrittsmaschine. Aus dem Transportmittel wurde eine Skulptur, aus der Arbeitsteilung eine Mechanik und aus der Bewegung ein ziemlich komplizierter Weg zum Stillstand.

Vielleicht besteht Fortschritt manchmal auch darin, kurz anzuhalten, auszusteigen und festzustellen, dass man gar kein Ziel hatte.

 

Unser Dank gilt der Magistrale Kunsthalle, der Sparkasse Oder-Spree und der Stadt Frankfurt (Oder) für ihre Unterstützung und dafür, dass die komplexe und zum Teil unsinnige Arbeitsteilung der Welt in einer anschaulichen, mechanischen Skulptur sichtbar werden konnte.

Ein Bericht der Teilnehmerin 
Ursula Hensler-Yapici 

Spektakel am 
Karl-Marx-Denkmal

Hier stehe ich alter Bronzekopf. Verdammt dazu, immer nach vorne zu schauen. Es ist einsam um mich geworden. Fast niemand interessiert sich mehr für mich. Aber hoppla, was ist das denn? Auch ein Denkmal? Nein, es bewegt sich. Ein Mann mit einer bunt gestreiften Mütze, die nur die Augen frei lässt. Wenn ich könnte, würde ich jetzt meine Stirn runzeln. Aber was ist das denn? Er kommt auf mich zu. Hilfe, er wird mich doch nicht stürzen wollen! Etwas Rotes trägt er in der Hand, ein kleines rotes Bällchen mit einer Schnur. Er kommt immer näher. Er klettert an meinem Sockel hinauf! Was zum Teufel hat er vor? Er fummelt in meinem Gesicht herum, zerrt die Schnur um meinen Kopf und setzt das rote Bällchen direkt auf meine Nase. He du, du denkst wohl, ich merke nichts? Nur weil ich aus Bronze bin? Aber innen lebe ich noch! So weit ist es also gekommen. Karl hat eine Clownsnase. Angebracht von einem Mann mit Regenbogenmütze. Vor lauter Aufregung über dieses Attentat habe ich gar nicht mitbekommen, dass noch mehr Menschen gekommen sind. Ohne Mützen. Da drüben auf der Bank sitzen drei ältere Damen. Das junge Publikum lümmelt auf der Wiese herum. Früher war das anders. Da haben die Menschen noch stramm gestanden. Aber ehrlich gesagt, gefiel mir das auch nicht so gut. 

 

 

Es geht los. Zettel für eine geheime Abstimmung werden verteilt. Auf einem steht: „Willst du lieber im Faschismus oder im Krieg leben?“ Tja, eine schwierige Frage. Meistens hängt das ja auch irgendwie zusammen. Einige haben mit weder-noch abgestimmt, andere wollten lieber in Liebe leben. Der nächste Programmpunkt: ein Text von Hannah Arendt über Kafka. Das Publikum lauscht interessiert. Auch Kriegsspielzeug ist ein Thema. Dann bunte Trillerpfeifen. Es wurde geübt, welche Pfiffe was bedeuten. Als Warnung vor der Polizei. Eine Klangcollage mit Fliegeralarm aus vielen verschiedenen Ländern ertönt. Ich hätte ja erwartet, dass die Zuschauer ruhig zuhören. Aber nein. Sie rennen herum, werfen Wasserbomben und bespritzen sich mit Wasserpistolen. Zwei der jungen Männer stehen auf und kommen mit einigen Flaschen Bier zurück. Du liebe Zeit, wo sind wir denn heute gelandet? Naja, lieber sollen sie mit Wasserpistolen schießen als mit echten. Und in Frieden ihr Bierchen trinken. Aber nichtsdestotrotz hätte ich jetzt doch gerne, dass irgend jemand mich von meiner Clownsnase befreit.

2. Mai
16 bis 18 Uhr

Zwischen Clownsnase, Bürokratie und Resolution:

Frankfurt (Oder), Samstagnachmittag – Die erste öffentliche und performative Versammlung des Dadaismus an der Oder ist nach einem bewusst holprigen Beginn mit über dreißig Teilnehmenden und zahlreichen interessierten Passant:innen erfolgreich zu Ende gegangen. Die Veranstaltung verband Elemente klassischer Versammlungsformate mit künstlerischer Intervention, literarischer Reflexion und dadaistischer Irritation.

Nach dem formalen Auftakt entwickelte sich unter den Augen Karls mit roter Nase eine Mischung aus Ernst und Absurdität. Die Tagesleitung, vertreten durch eine anonyme Postautonomie in Regenbogen-Maske, empfand ein Meinungsbild der Anwesenden – ob sie der Meinung seien, dass Herr Bundeskanzler Merz denn Eier lecken sollte, empfand die Frage für eine Urne mit Asche unbekannter Herkunft – als nicht adäquat.

In einer weiteren Abstimmung wurden also die Anwesenden vor die Wahl zwischen Krieg und Faschismus gestellt. Das knappe Ergebnis – sieben Stimmen für Krieg gegenüber sechs für Faschismus – wurde durch dutzende ungültige Wortmeldungen wie „Liebe“ oder „Hüpfburg“ eben nicht konterkariert oder machte die Logik solcher Alternativlosigkeiten sichtbar: Denn Liebe und Hüpfburgen gibt es bekanntlich sowohl im Krieg als auch Faschismus.

Zwischen Abstimmung und Auszählung las die Schriftstellerin Carmen Winter eine gekürzte Fassung eines Essays von Arendt über Kafka und führte das Publikum in eine Welt der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts, deren strukturelle Veranlagung uns laut Arendt durch Kafka nahbar wird „und durch die Realität der Gaskammern nichts an Unmittelbarkeit eingebüßt hat“. Die strukturelle Ähnlichkeit der zwanziger Jahre dieses und des letzten Jahrhunderts ist verblüffend und ebenso absurd wie die Tatsache, dass wir bei 8 Milliarden Menschen für 12 Milliarden Menschen Lebensmittel produzieren – während etwa 300 Millionen Menschen übermorgen verhungert sein könnten; und stattdessen Hotels im Weltraum geschaffen werden.

Mit der Uraufführung des Klangwerks von Thorsten Soltaus Werk „Über der Stadt“ in drei Akten wurde anschließend eine künstlerische Auseinandersetzung mit Urbanisierung, Randlagen von Metropolen sowie Fragen von Subversion und Revolte dargeboten. Das Werk wird vom DADO und Künstler für nicht-kommerzielle Zwecke der Öffentlichkeit, der Artothek sowie dem Stadtarchiv Frankfurt (Oder) zum Nachhören und -denken zur Verfügung gestellt.

Zu den performativen Höhepunkten der Veranstaltung zählte die Intervention eines Ritters, der von historischen Kriegen (von Jerusalem bis Gondor) berichtete und darauf verwies, dass Krieg und Elend wohl doch ein wenig älter sind als kapitalistische Produktionsverhältnisse. Als Live-Action-Role-Player versucht er Drachen zu bekämpfen, wofür er bei echten Drachen und im echten Leben lediglich weitere Nachtschichten erhalten würde.

 

Den Abschluss bildete die einstimmige Annahme einer Resolution des Kollegenkreises Wichern. Darin wird die Diskrepanz zwischen globaler Empörung über den Bruch internationaler Ordnung und dem gleichzeitigen Ignorieren alltäglicher Menschenrechtsverletzungen im Kontext sogenannter Behindertenwerkstätten in der direkten Nachbarschaft angeklagt und die Auflösung der Anstalt gefordert.

Die Veranstaltung versteht sich als Auftakt für weitere öffentliche Versammlungen, die gesellschaftliche Widersprüche durch künstlerische Praxis sichtbar machen.

2. Mai
16 Uhr

Einladung zur 
1. Kabarett-
Versammlung

Denn, die alte Welt liegt im Sterben, 

die neue ist noch nicht geboren: 

Es ist die Zeit der Monster. 

Die Monster dürfen nicht gewinnen, 

wir dürfen nicht zu Monstern werden, 

es ist nicht der Fortschritt, der uns rettet, 

es ist es sind die Risse im Kontinuum. 

 

Also, die Waffe der Kritik
 kann die Kritik der Waffen nicht ersetzen, 
Deshalb: 

DADO

Unterstützt durch:

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.